Warum Prozessoptimierung vor Automatisierung kommt

Wer sofort automatisiert, automatisiert das Problem mit. Warum eine IST-Aufnahme fast immer der entscheidende erste Schritt ist.

Sikko Hühsam

„Wir wollen das automatisieren” — dieser Satz kommt häufig. Meistens steckt dahinter ein echter Schmerz: zu viel manuelle Arbeit, zu viele Fehler, zu viel Zeitverlust. Das Ziel ist richtig. Der erste Schritt ist fast immer: noch nicht.

Das Problem mit dem direkten Einstieg

Stellen Sie sich einen Prozess vor, bei dem Angebote manuell erstellt werden: Daten werden aus verschiedenen Quellen zusammengesucht, in eine Vorlage eingetragen, zur Freigabe weitergeleitet, dann per E-Mail verschickt. Fünf Beteiligte, drei Systeme, kein definierter Standard.

Diesen Prozess zu automatisieren, bevor er verstanden ist, bedeutet: Die Ausnahmen, die manche Mitarbeiter kennen und andere nicht, werden eingebaut. Die Umwege, die sich über Jahre eingeschliffen haben, werden festgeschrieben. Die Doppelarbeit, die gelegentlich passiert, passiert jetzt zuverlässig automatisch.

Schneller. Aber nicht besser.

Was eine IST-Aufnahme wirklich ergibt

Eine gute IST-Aufnahme ist keine Dokumentationsübung. Sie ist eine Entdeckungsreise durch das, was wirklich passiert — nicht das, was im Organigramm steht.

Typische Erkenntnisse:

  • Prozessschritte, die niemand braucht. Sie existieren, weil sie mal sinnvoll waren.
  • Engpässe, die nicht da sind, wo man sie vermutet. Oft liegt die Verzögerung nicht im System, sondern im Übergabepunkt zwischen zwei Abteilungen.
  • Quick Wins. Kleine Änderungen — manchmal ohne jede Technik — die sofort Wirkung zeigen.
  • Was wirklich automatisiert werden sollte. Und was besser redesignt oder ganz abgeschafft wird.

Das Soll-Konzept als Entscheidungsgrundlage

Aus dem IST entsteht das SOLL. Kein abstraktes Zielbild, sondern ein konkretes Konzept: Welche Schritte sollen künftig wie ablaufen? Welche Systeme kommunizieren miteinander? Welche Entscheidungen bleibt beim Menschen?

Erst jetzt ist eine Aussage möglich: Dieser Teil eignet sich für Automation, dieser nicht, dieser sollte neu gedacht werden.

Das ist die Entscheidungsvorlage — nicht für einen Berater, sondern für das Unternehmen selbst. Eine Grundlage, die auch dann trägt, wenn sich Systeme oder Mitarbeiter ändern.

Was bleibt

Nicht „wir haben jetzt einen Plan” — sondern: die richtigen Fragen sind gestellt. Und die erste davon lautet fast immer:

Was davon sollte gar nicht automatisiert werden?

Diese Frage spart mehr Zeit als jede Automation, die man später wieder zurückbauen muss.

Häufige Fragen

Antworten auf Ihre Fragen

Wann ist Prozessoptimierung vor Automatisierung wirklich nötig?
Immer dann, wenn der Prozess noch nicht klar definiert, dokumentiert und verstanden ist. Das ist häufiger der Fall, als Unternehmen zunächst annehmen.
Wie lange dauert eine IST-Aufnahme?
Für einen einzelnen Prozess typischerweise 2–5 Werktage — abhängig von Komplexität, Anzahl Beteiligter und Dokumentationslage. Das Ergebnis ist ein klares Prozessmap mit Engpässen und Handlungsoptionen.
Kann man nicht einfach anfangen und dabei lernen?
Manchmal ja. Aber wer einen schlecht verstandenen Prozess automatisiert, muss ihn später oft komplett neu aufbauen — zu höheren Kosten und mit mehr Reibung im Team. Die Analyse kostet weniger als die Korrektur.

Nächster Schritt

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